Ehrung des wissenschaftlichen Lebenswerks von Carl-Friedrich Graumann

Der Heidelberger Psychologe wurde auf dem Jubiläumskongress "100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Psychologie" in Göttingen ausgezeichnet

Carl-Friedrich Graumann

Göttingen, 27.09.2004 (p). Der Heidelberger Psychologe Prof. Dr. Carl-Friedrich Graumann (81) wurde auf der Eröffnungsfeier des 44. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert, an deren Spitze er von 1968 bis 1970 stand und deren Ehrenmitglied er seit 1992 ist, mit dem Preis für das wissenschaftliche Lebenswerk ausgezeichnet.

Mit Graumann wird ein Gelehrter geehrt, der sein ganzes Leben als Forscher in den Dienst der theoretischen und der empirischen Aufgaben der Psychologie gestellt hat. Dies verlieh ihm nicht nur ein feines Sensorium, mehrmals Defizite und neue Möglichkeiten dieser Wissenschaft rechtzeitig zu erkennen, sondern auch Ansätze für anstehende Entwicklungen früh aufzugreifen, begriffliche (Neu-)Strukturierungen vorzunehmen und empirische Forschungsprogramme anzuregen und zu realisieren.

Carl-Friedrich Graumann verkörpert wie vielleicht kein zweiter lebender deutscher Psychologe eine humanwissenschaftliche Forscherpersönlichkeit, die mit all ihrer Kraft innovative Ansätze und Problemlösungen in der Grundlagenforschung verfolgt und dadurch die Entwicklung der Psychologie produktiv beeinflusst. An dieser Stelle sei insbesondere auf vier Forschungsbereiche hingewiesen:

1. Die Bedeutung der Sprache für die Psychologie und deren empirische Untersuchung
2. Die Verschränkung von Kognition und Kommunikation
3. Die Ökologie menschlichen Erlebens und Verhaltens
4. Die Historizität aller menschlicher Erfahrung und psychologischer Erkenntnis

Carl-Friedrich Graumann erkannte nicht nur als Sozialpsychologe – er gehört zu den Pionieren der Sozialpsychologie im deutschen Sprachraum –, immer wieder Schnittmengen mit der Allgemeinen Psychologie (z.B. Gedächtnis), sondern wertete auch den Stellenwert der Psychologie im interdisziplinären Kontext auf. Beispiele hierfür sind der Handbuchartikel "Interaktion und Kommunikation" aus dem Jahre 1972, der für die sich heute rasant entwickelnde Kommunikationspsychologie nach wie vor maßgebend ist, sowie der von ihm mit ins Leben gerufene durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Sonderforschungsbereich "Sprache und Situation", in dem Forscher und Forscherinnen aus Psychologie, Linguistik, Soziologie und weiteren Wissenschaften über Jahre hinweg gegenstandsbezogen eng zusammen gearbeitet haben.

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie stellte anlässlich des 80. Geburtstages von C.F. Graumann kürzlich fest, dass der Jubilar in unterschiedlichen Funktionen (u.a. Akquisition und Leitung von Forschungsprojekten, Mitbegründung von wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Gesellschaften, Organisation von Symposien, wegleitende Handbuchartikel, internationale Vernetzung) daran mitgewirkt hat, dass "die deutschsprachige Psychologie aus der Talsohle der fünfziger Jahre herausgeführt werden konnte und international wieder wettbewerbsfähig wurde" (Schneider, 2003, in Weimer & Galliker, S. 4).

Carl-Friedrich Graumann hat auch später dafür gesorgt, dass sich die Psychologie als Wissenschaft und Praxis im deutschen Sprachraum etablieren konnte. Als der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, deren Vorsitzender er von 1968 bis 1970 war, beschloss, künftig alle zwei Jahre einen "Bericht über die Lage der Psychologie" vorzulegen, fiel C.F. Graumann diese Aufgabe als erstem zu, und er wählte ein bis in die Gegenwart maßgebliches Format, das die Psychologie dreifach reflektiert: als Wissenschaft, als Fach und als Beruf. Dieses Format würde er heute um die Darstellung der Psychologie in der Öffentlichkeit ergänzen; als mit dem Preis für sein Lebenswerk ausgezeichneter Psychologe kann er hierzu noch mehr als bisher persönlich beitragen und das Ansehen der Psychologie im und aus dem deutschen Sprachraum mehren.


Literatur:
Weimer, D. & Galliker, M. (Hg.). (2003). Sprachliche Kommunikation: Ansätze und Perspektiven. Festschrift zum 80. Geburtstag von Carl-Friedrich Graumann. Heidelberg, Kröning: Asanger. [Hierin u.a. Verzeichnis der Schriften von C.-F. Graumann.]


Links:
Laudatio anlässlich der Preisverleihung auf der Eröffnungsfeier des DGPs-Jubiläumskongresses

Kurzporträt von Carl-Friedrich Graumann

– Kongress "100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Psychologie" in Göttingen 2004: Presseinformation

– Ebenfalls in Göttingen für sein wissenschaftliches Lebenswerk geehrt: Prof. Dr. Paul B. Baltes